Die Sache mit Brecht im Museum

Neulich ging ich unbehelligt meiner Arbeit nach / in einem Museum, in dem ich an der Theke sitze und Karten verkaufe und ueberpruefe.

Der Mann war ergraut und wienerte sehr. Ich verstand ihn dennoch ohne Probleme, da es, entgegen meines Seinspunktes im Jetzt, auch Momente gegeben hatte in denen ich in Vienna, baby, gelebt hatte.

Ihm ging es konkret um ein Zitat von Brecht, das in dem Museum an der Wand auf einem Banner zu lesen ist. Darauf steht “Hamburg geht unter” (das bezieht sich auf 1943). Natürlich ist Brecht schon 1933 emigriert.

“Ich hab da mal a Frageee”, wienerte der Mann also – und auch wenn ich das jetzt so schreibe soll das keineswegs herablassend klingen, denn ich liebe den Wiener Dialekt ja schon sehr – , “Wenn der Brecht, also wenn der neinzehnhundertdraiunddraißig scho emigriert ist, dann war er ja nicht da, 1943.”

Ich nickte.

“Dann hat er das aus der Emigration geschrieben also?”

Ich nickte wiederum.

Er beugte sich zu mir vor, über die Theke, und flüsterte mir verschwörerisch zu:

“Dann ist es aber kein besonders gutes Zitat, nicht?”

Auch jetzt nickte ich.

Er schien enttäuscht, dass mich diese Erkenntnis nicht berührte – stimmte ich ihm etwa nicht zu? Entzürnte mich dies nicht, an der Theke sitzend, dass ich so ein Zitat vertrat?

Aber der Sachverhalt war eher so, dass wenn man für den Mindestlohn im Museum arbeitet, als Nebenjob, man sich für diese Dinge gar nicht so sehr entflammen kann. Und außerdem/ um festzustellen, was man über eine Sache denkt, muss man ja gar nicht so arg anwesend sein. Also wenn Brecht schreibt, Hamburg ginge unter, dann kann er das ja schon wissen, die sexistische Sau.