Am Weltfrauentag

Wir wuchsen zusammen auf. Die Sonne brannte auf unserer Haut. Wir steckten uns lange, weiße Federn von Möwen und Albatrossen ins Haar.

Irgendwann musste ich gehen.

Es fällt mir schwer, persönlich zu werden. Für das Schreiben, das merke ich mehr und mehr, ist das notwendig.

Am Weltfrauentag wurde meine Schwester erschossen. Sie erwarten von mir, weil sie mich kennen, dass ich aufstehen kann. Demonstrieren gehen kann. Mit Plakaten vorwegmarschieren und meine Wut in die Luft brüllen kann.

Und wütend bin ich. Sehr sogar.

Aber ich muss still sitzen. Nachdenken. Ruhig werden. An dich denken.

Am Weltfrauentag wurde meine Schwester erschossen.

Im Juli, Jahre später, einer meiner Brüder.

Es ist zu erwarten, in einem Land wie dem, in dem mein halbes Blut die Autobahn entlang rast.

Meine Trauer ist aber zu groß, und muss weggesperrt werden. Sie ist unangebracht und schwappt über in Trauer, die ihr nicht gehört.

Am Weltfrauentag wurde meine Schwester erschossen.

Darum frage mich nicht, warum. Warum ich nichts dazu sagen kann. Wir sind alle #metwo, aber einige mehr als andere. Einige werden mehr tone policed als andere. Oft andere als ich.

Ich sehe keine Menschen aus meinem Dorf, meiner Stadt. Keine, die nicht auch Deutsch wären. Oder eigentlich deutscher als ich, hier ganz aufgewachsen, mit den alltäglichen Rassismen konfrontiert. Oder die darüber schreiben, weil sie dort English unterrichtet haben.

Ich sehe keine Menschen wie mich. Nur meine Schwester. 

Das ist wahr, aber ich kann es nur in Metaphern kleiden. Ich kann nicht sagen, wo es war, und warum, dass sie erschossen wurde.

Ich muss die Geschichte umschreiben.
Damit es nicht mehr so ist.

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